(Ach, hatte ich erwähnt, dass die Geek-Hütte nun endgültig geschlossen ist und ich meine letzten Tage hier in Marseille nun wifilos verbringe?)
Cité Universitaire de Luminy, Marseille, France
„Warwalking“ könnte man es nennen, analog zu „Wardriving“. Verzweifelt bist du über den Campus gelaufen und hast versucht, einen freien Hotspot zu finden. Schlussendlich bist du vor der Uni gelandet, für deren offenen Hotspot man nichtsdestotrotz einen Account braucht, den du nicht hast. Ansonsten hast du nur geschlossene Netze gefunden, von denen du dich fragst, woher sie kommen, immerhin haben die Zimmer keinen Telefonanschluss. Aber vielleicht lösen sich solche Probleme von ganz alleine, wenn man genung Geld auf den Tisch legt und einen gültigen Studentenausweis auf den Tisch legt.
Und da du heute abend beschlossen hast, dass es schon zu spät und zu mühseelig sei, sich noch in die Stadt zu begeben um irgendeine brauchbare Kneipe zu finden, wirst du diese Nacht lang das tun, was du am Besten kannst: „Drunk Writing“.
Das letzte Bier, irgendein merkwürdiger Desperados-Mix mit Limone, der zwar nicht schlecht schmeckt, aber (für Desperados) kaum Alkohol enthällt, steht im Gemeinsschaftskühlschrank. Ein riskantes Unterfangen, aber besser als warmes Bier.
Für den Durst ein Glas Pastis. Oder eine Teetasse Pastis, denn da man Gläser nur im Dreierpack kaufen konnte, hast du dir einfach eine gläserne Teetasse gekauft, die ihren Zweck ebenfalls erfüllt. Wenn man für kurze Zeit in deinen Verhältnissen wohnt, darf man nicht auf Luxus pochen. Für später steht eine Falsche Apfelwodka bereit, die du nur gekauft hast, weil sie im Sonderangebot war und ungefähr 15 Euro weniger als normal kostete. Ob das ein Grund ist, sich mehr als sonst die Hucke volllaufen zu lassen und seine wirren Gedanken in einen Computer zu hauen und später ins Internet zu jagen, sei dahingestellt. Vielleicht können wir uns im Laufe der Nacht ja noch weiter dieser Frage widmen.
Du schwitzt. Das wird nicht besser werden, auch wenn die Kühle der Nacht, die das Land beinahe schon in Besitz genommen hat, so langsam anfängt, ins Zimmer zu kommen. Im Zweifelsfall ein weiterer Spaziergang mit dem Laptop, diesmal mit Flasche und anderen Intentionen.
Süchtig nach dem Internet?
Das Internet ist nur die billigste und in manchen Fällen die einzigste Methode mit Menschen, die mir lieb und teuer sind, Kontakt zu haben, mit ihnen zu reden, Gedanken auszutauschen und letztendlich auch Texte reinzustellen und zu hoffen, dass jemand einen Kommentar drunter setzt. Ich bin mit euch in…
Vielleicht ist das eine „Sucht“ nach menschlichem Kontakt, nach Gedankenaustausch, nach Fragen und Antworten, die Gewissheit, dass immer jemand „da“ ist, der liest, was man schreibt/denkt/fühlt/schreibtdenkt/fühltschreibt. Fühlschreiber. Schreibdenker. Schreibfühler. Wie die Fühler eines menschlichen Insektes, das in seinem Chitinpanzer vor einer Schreibmaschine aus glänzendem Kupfer sitzt und seine Gefühle in sie reintippt, mit stoischer Ruhe, wie sie nur ein Insekt haben kann, das weiss, dass es geschützt und klein ist und deshalb keine grossen Schritte machen kann.
Das Gegenteil von mir, gehetzt von Gefühlen aus einem dunklen Schlund in mir, aus der Tiefe, getrieben vom Pendel das ich in Paris sah und dessen Anblick ich nie vergessen werde, zusammen mit dem Schreckensmoment der SMS, die mich in eben diesem Moment der Ehrfurcht und der Verbeugung vor dem Pendel, genau um 12 Uhr Mittag, erreicht, mit der Frage, ob ich nicht zufällig wegen dem Pendel im Paris sei.
(Ich hatte „Da endlich sah ich das Pendel…“ getwittert und meine Tweets waren zu dem Moment wegen meiner Kanadareise sofort auf meinem Blog angezeigt worden, so dass der grosse Zufall nur war, dass die richtige Person zum richtigen Moment mein Blog aufgerufen hat, aber so ein Schock muss erst einmal verarbeitet werden.)
Anisgeschmack. Gibt es nicht diese klugen Ratschläge in Elternzeitschriften, doch keine Speisen mit Bier oder Wein für ihre Kinder zuzubreiten, damit diese sich nicht zu sehr an den Geschmack von Bier oder Wein gewöhnen? Und was ist dann mit Lakritze, die für Kinder sehr viel mehr erstebenswerter ist als eine Biersosse oder ein Risotto mit einer feinen Weissweinnote. Vor allem ist Pastis hochprozentig, schmeckt aber verdünnt relativ schwach bis gar nicht nach Alkohol, dafür aber sehr nach Anis bzw. Lakritze.
Für Kinder und trockene Alkoholiker gibt es hier in Marseille auch Anissirop, zB. den wunderbaren „PACIFIC“ von Ricard. Auf der Flasche ist unter dem Namen ein Segelschiff in voller Fahrt abgebildet und es sind die Worte „FORCE ANIS“ zu lesen. Ich finde das wunderbar, weil es so einen martialischen Charakter hat, der zugleich in der Segelschiffsymbolik wieder vollkommen friedlich gesehen werden kann. Als würde das Schiff nur deshalb so schnell fahren und immer guten Wind haben, weil sie Seeleute alle nur alkoholfreien Anissirup trinken und es damit schaffen, den Pazifik in einer Woche zu überqueren.
Vielleicht ein kleines Go-Spiel, dann das Bier und der Versuch, weiter etwas mit Ina zu machen?
Ich bin so schlecht in diesem Spiel, der Computer schlägt mich jedes Mal. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Regeln nur zur Hälfe gelesen habe, weil ich mich beschäftigen wollte und nicht irgendwelche merkwürdigen philosophischen Begriffe lernen wollte. Oder weil eins der stärksen Go-Programme überhaupt selbst auf niedrigster Stufe noch ziemlich schwer zu schlagen ist.
(Es war nich da. Niemand kümmert sich um diesen Kühlschrank. Von überall her hörst du lachende Stimmen und Leute, die laute Musik spielen. Da ist es relativ deprimierend, nun alleine hier zu sitzen. Aber immerhin hast du ein kaltes Bier.)
Es ist Vollmond. Und immer noch, trotz vollständiger Dunkelheit und weit offenem Fenster, viel zu warm hier drinnen. Es gibt keine Alchemie des Öffnens und Schliessen die wirkt, wenn es quasi keine Isolation gibt. Ich frage mich, wie es hier wohl sein mag, wenn es einen relativ kalten Winter gibt. Und ob das Dach regenundurchlässig ist.
Nach einer Runde von diesem merkwürdigen Mechwarriorspiel ist es kurz nach Mitternacht, Samstag morgens also. Und du hast diesen Wodka aufgemacht und herausgefunden, dass er trotz Apfelgeschmack immer noch Wodka ist und deshalb nicht wirklich pur getrunken werden kann (Es sei denn, in einem Schnapsglas, eins nach dem anderem, immer die Kehle hinterunter, als gäbe es keinen Mund.)
Wie es sich Traubenzuckerhersteller nur wünschen können, wirkt das Zeug sofort. Das Schöne: Es macht den Kopf für einen seltsamen Moment lang klar, wahrscheinlich sind das Glücks- oder Stresshormone, die die Leber oder den Magen oder sonstige Verdauungsdrüsen aktivieren sollen. Da die Botenstoffe wahrscheinlich im Gehirn gebildet werden, wird dieses mit aufgeweckt und so kann der Wodka (der übrigens aus den USA stammt, was ich merkwüdig finde) für kurze Zeit wach machen, ehe die einfschläferenden, lähmenden Wirkungen des Ethanols zu wirken anfangen. Man muss sich immer im klaren sein, dass Ethanol eine Droge ist und man sich bei Hochprozentigem auf eine Art Trip begibt. Wo hört „Rausch“ auf und wo beginnt die Grenzerfahrung?
Ich sehe mich selbst tanzen, inmitten einer Menschenmenge, anonym, nur Dekoration. Es gibt nur mich und die Musik.
(Kurz blitzt der Gedanke, hier doch eine Privatdisko zu veranstalten, auf, wird dann aber von einem letzten Funken Realismus getötet, der auf die fehlenden Lautsprecherboxen aufmerksam macht.)
„White Rabbit! White Rabbit!“ brüllt jemand in der Tiefe des Brunnes und dann beginnt das große LSD-Symphonieorchester zu spielen…
Was werden die Leute wieder denken, wenn du von deinen einsamen Trinkekzessen schreibst und quasi live berichtest, wie du deine Magenwände mit hochprozentigem Ethanol auflöst und es dir egal ist, weil, du lebst ja heute, jetzt, in dieser viel zu heissen Nacht in Marseille, und nicht dann, wenn deine Magenwände es dir heimzahlen.
Tanzmusik. Oder auf jeden Fall schnelle elektronische Musik zweifelhafter Qualität. Aber für die Stimmung genügt es. Was für eine Stimmung eigentlich? Und möchtest du nicht lieber eine ganz andere Stimmung haben, um im anderem Fenster an dem Text zu arbeiten, der dir viel mehr bedeutet als dieser potentielle Kündigungsgrund (Wie gut, dass du keinen Arbeitsgeber hast!)
Ein untrügliches Zeichen für kurzweiligen Wahnsinn: Man mischt irgendwelche unpassenden Getränke zusammen und schreibt dann darüber, ohne sich wirklich Gedanken zu machen. Der Teil meines Gehirns hinter meiner Stirn beginnt, unter dem Ethanol zu leiden. Es sind keine Kopfschmerzen, wahrscheinlich eher ein Anschwellen, versuchen, der Leber klar zu machen, dass viel zu viel von dem Gift im Blut ist, was sich vor allem auf die Orientierung und das Gleichgewicht auswirkt, im Moment. Wie gut, dass ich sitze.
Mein Mix Pastis-Wodka-Grenadine-Wasser hat eine gelb-orange Farbe und schmeckt teilweise gar nicht mal so übel, teilweise nur nach Alkohol. Hätte das Zeug zu einem Drink, vielleicht ist es auch einer. Obwohl Apfelgeschmack eher selten in Longdrinks ist, wieso auch immer. Wahrscheinlich zu banal, nicht exotisch genung, es muss schon der Geschmack von Sternfrucht oder Kiwis sein, um interessant und neu und aufregend zu sein.
Ich stelle mir vor, ich sei im Weltraum und drehe mich um meine eigene Achse.
Und schon habe ich das Gefühl der Drehung, obwohl ich fest auf meinem unbequemen Stuhl in meinem viel zu kleinen Zimmer im Studentenwohnheim in Luminy in Marseille sitze. Hoffe ich auf jeden Fall.
Es zieht mich nach draussen, was vorerst mit einem Besuch am Fenster kompensiert werden muss. Ich bin definitiv zu betrunken, um den Weg nach draussen zu finden, ohne jemanden anzuschreien oder zu beleidigen.
Besser wieder hinsetzen. Der Alkohol hat dich von jedem Gefühl von Schwindel befreit, so dass du nicht nur bereit bist, senkrecht in die Tiefe zu schauen und dich wahrscheinlich auch trauen würdest, aus dem Fenster zu springen, nur um zu sehen, wie tief es wirklich ist und welche Auswirkungen ein Sprung aus 15 Metern Höhe auf den menschlichen Körper haben. Kann man das irgendwo im Internet simulieren?
Fast verdrängt dass es hier kein WLAN gibt. Oder? Schnell mal nachschauen.
Nichts. Auf jeden Fall nichts brauchbares. Wer auch immer meine Hoffnung mit diesen verfickten Computer-to-Computer-Netzwerken füttert, gehört ordentlich geschlagen. Oder so.
So schnell lassen sich 10.000 Wörter schreiben. Man braucht nur einen willenlosen Schreiberling mit zwei flinken Händen und genung Alkohol, um ihm die Worte zu entlocken. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die motorische Fähigkeit, die Hände über die Tastatur gleiten zu lassen, nicht zu leiden darf. Wobei das bei den meisten Schreiberlingen eh im Schlaf geht und sie selbst mit merkwürdigen französischen AZERTY-Tastaturen klar kommen und auch mit kleinen und winzigen Laptoptastaturen kein Problem haben, so lange sie oft genuch durch Klabbern und Klicken Feedback über ihr Schaffen bekommen.
Die Musik („Busted in Bulgaria“ von einem gewissen Jim Guittard) inspiriert nicht. Im Gegenteil, sie ermüdet den feinen Geist, der voller Weingeist ist.
Was anderes, inspierendes lässt sich aber auch nicht wirklich finden. Vielleicht sollte sich der müde Körper schlafen legen, um dehydiert und voller Ideen zu erwachen. Nicht wirklich die Idee dieser Nacht, aber es ist immerhin schon fast ein Uhr und das Ethanol beginnt zu wirken. Anderseits könnte man etwas kochen…
Spaziergänge durch einen botanischen Garten sollen nach dem Essen verdauensförderend und gesund sein. Aber wenn man dabei chinesische Propagandaprojekte und gigantische Insekten begegnet, kann sich einem der Magen schon mal umdrehen…
MP3-Download Podcast:Angscht a Schrecken am botaneschen Gaart vu Marseille
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Du schläfst nicht so, wie du schlafen solltest. Am Nachmittag nickst du ein, wachst Stunden später auf und fühlst dich den ganzen restlichen Tag wie in Watte eingepackt.
Und jetzt Pastis. Als wären die ganz normalen Einbildungen noch nicht genug, suchst du noch weitere Ablenkung im Anisschnaps. (Ich weiß nicht mal, ob das die richtige Bezeichnung ist. Was soll man zu einer gelben, dickflüssigen Materie sagen, die sich nur schwer mit Wasser vermischt und einen trüben gelblichen Nebel im Glas hinterlässt?)
Es schmeckt nach Lakritze, aber vielleicht ist es besser, nicht zu viel über Alkohol zu reden, da sich dann ja wieder jeder Gedanken macht, sich um deine Magenwände sorgt und überhaupt, was sollen die Leute denken?
“Se sollen denken, waat se wëllen, soot Kätt.”
Hörspielversionen von luxemburgischen Kinderbüchern. Schatten aus der Vergangenheit. Endlosband auf der Fahrt in den Süden. Immer geradeaus, Autobahn, Raststätte Autobahn, Autobahn, Tankstelle, Autobahn, durch die Nacht, Autobahn, Sonnenaufgang, Autobahn, Autobahn, Stahlflamingo, Landstraße, RiveGaucheoderRiveDroite?. Und immer die gleichen Geschichten.
Die Luft hier riecht fast gleich, fast kannst du diese seltsame Stimmung spüren, irgendwo zwischen Kind und Erwachsen werden, nie zufrieden, nie im Wasser, nie mit den Gedanken da. Und immer schwirren Geschichten umher, versunkene Schiffe voller Geheimnisse und japanische Kampfroboter.
Das ist alles nicht weit von hier und dennoch unendlich lange her.
Ich weiß nicht, was mich daran hat denken lassen. Es war ein grauer Abend, verbracht am Telefon mit I., die mich aus heiterem Himmel angerufen hat. Und so leben wir in irgendwelchen Studentenwohnheimen in die wir nicht gehören und erzählen uns von unseren Küchen und Pfannen und Sanitäranlagen.
Und wo findet das Leben statt? Darf ich Samstagabends in Marseille alleine vor meinem Laptop sitzen, Pastis trinken (Schon wieder! Was sollen nur die Leute denken!) und meine Gedanken niederschreiben? Oder müsste ich einsam durch die Straßen der Großstadt ziehen und mich dort mit Fremden betrinken, ohne Ziel, immer nur auf der Suche nach dem wahren Leben?
Was machen wir aus unseren Leben? Ist Leben arbeiten? Ist Leben nach der Arbeit, nach der Schule, nach der Uni? Findet das Leben nur in Bars und Diskos an Wochenenden statt? Lebe ich nur, wenn ich tanze und trinke und Sex habe? (Ich hatte “ficke” geschrieben, aber das war mit zu negativ.)
Ist Lebenszeit im Bus vergeudete Zeit? Wenn ich Zeitung lese, bin ich dann asozial? Ist es besser, auf einer Parkbank zu lesen als im Zimmer, nur weil die Sonne scheint?
Ist ein Telefongespräch besser als ein Chat? Sagt ein Brief mehr aus als eine Email? Was ist mit Fax? Sollte ich T. eine Postkarte mit meinen Einfällen schicken statt einer SMS?
Zählen virtuelle Umarmungen nicht?
Ist mein Blog nicht wichtig, weil es nicht “draußen” ist? Wenn ich im Park einen Eintrag schreibe, bin ich dann trotzdem nur virtuell unterwegs?
Darf ich meine Emails checken wollen, wenn ich heimkomme, aufstehe, schlafen gehe?
Ist Schlaf wirklich so wichtig?
Was ist besser? Eine Nacht in einer Disko oder eine Nacht vor der Schreibmaschine?
Wird ein Film besser, wenn ich ihn auf dem TV-Gerät ansehe und andere das auch tun?
Darf ich auch mal zu Hause bleiben, wenn ein tolles Konzert ist? Darf ich auch manchmal einfach nur müde und faul sein? Darf ich einen Abend mit Computerunsinn statt mit Tanzen verbringen?
Kann ich trotzdem voller Überzeugung sagen, dass ich gerne tanze und rausgehe und trinke und feiere und ich nicht antisozial bin?
Darf ich? Kann ich? Muss ich?
Das Leben findet draußen statt. Oder?
Alleine einen Artikel für die Wikipedia schreiben oder zusammen Thomas Gottschalk sehen?
In meinem Kopf ist immer Party.
Manchmal tanze ich, ganz für mich alleine, spiele Luftgitarre, ohne Zuschauer. Ist das schlechter als anders?
Da sind ja genug Stimmen, mit denen ich mich unterhalten kann.
Die Nacht ist jung und niemand weiß, was gespielt wird.
Der Tag ist alt und niemand weiß, woher die Lichter kommen.
Tote Sterne sagen nichts über die Zukunft.
Wollte ich nicht eigentlich über Ina schreiben, meine Ina, die mich nicht loslässt?
Auf einmal sind alle Zikaden still.
Ich muss mich nicht rechtfertigen, twitter zu benutzen. Ich habe in Paris eine wunderschöne Geschichte mit twitter erlebt, die ohne wohl kaum so möglich gewesen wäre. Ich bin ja schon länger dabei, mir Gedanken zu machen, wieviele Luxemburger denn twittern, deshalb versuche ich mich jetzt mal einfach an einer Liste, wobei ich nicht den Anspruch erhebe, komplett zu sein.
Ich habe nur jene verlinkt, die auch in ihrem twitter-Profil einen Link auf ihr Blog gesetzt haben, auch wenn es bei einigen für Kenner der Szene ziemlich eindeutig ist, wer sie sind. Sollte jemand mit der Nennung seines Namens/Nicks in Verbindung mit seinem twitter-Account überraschenderweise nicht einverstanden sein, kann ich das gerne ändern.
@jollysea (Ich)
@tnjh (Thierry H., scheint echt wieder zu twittern?)
@blogeescht (Georges)
@oppenenbreif (Tom H.)
@claudeRX (Claude)
@dankerschen (Dan Kerschen)
@cbetz (Charel Betz)
@caffeinetrip (Leti)
@benemlu (benem)
@anachorete
@thorben (thorben)
@pa79 (pa)
@bobreuter (Bob Reuter)
@horstuwe (staater)
Ich habe sicher irgendwen vergessen, also Erweiterungen gerne in den Kommentaren nachtragen.
Es gibt mal wieder Fotos aus Marseille. Zuerst einmal die Aussicht, die einen jeden Abend dafür entschädigt, dass man in einem kleinen Kabuff wohnt und die Küche mal wieder aussieht als habe jemand Bohnen in der Dose gekocht, ohne ein Loch in die Dose zu machen:

Und nach dem Dings gibt’s Fotos von dieser Insel:
Dies ist der zehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde. 8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden.
Zoë legte ihre Hand vorsichtig auf die Seite und schloss den Ordner. Sie hob ihn so hoch, stand auf und tastete langsam nach dem Lichtschalter.
Wieder verwandelte sich der Dachboden in einen undefinierten grauweißen Raum. Wie in einem Traum, den sie immer wieder hatte. Darin wachte sie stets in einem mit Watte gefüllten Zimmer auf und versuchte dann – meistens vergeblich, den Ausgang zu finden.
Der frischgefallene Schnee bedrückte sie. Er bedeutete, dass der Herbst entgültig vorbei war und die Zeit der Kälte gekommen war, die sie stets mit Einsamkeit verband. Aber dieser Winter sollte allem Anschein nach anders werden als alle andern davor. Diesmal schien es tatsächlich so, als habe sie ein warmes Nest gefunden, in dem sie überwintern konnte.
Vor ihrem geistigem Auge tauchte bei diesem Gedanken das Bild eines zusammengekugelten Igels in einem Nest aus Blättern auf. Sie war sich nicht einmal sicher, ob Igel in solchen Nestern übernachten. Waren es nicht eher Haselmäuse, die solche Kugelnester aus Blättern bauten?
Blätter. Herbst. Das erinnerte sie daran, wie sie Ina kennengelernt hatte, wie sie ihre Freundin das erste Mal gesehen hatte. Das war im Herbst gewesen, vor nicht allzu langer Zeit.
Es war einer jener Herbstage gewesen, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man “Herbst” hört. Sonnig, nicht zu kalt und die Blätter der Bäume bunt gefärbt. Einer dieser Tage, die einen vergessen lassen, dass Herbst eigentlich meistens Regen, Kälte und Wind bedeutet, besonders wenn man in einer Gegend wie Ina wohnte, die wohl nur während des kurzen Sommers wirklich einladend war.
Sie wusste noch ganz genau, weswegen sie in der Stadt gewesen war und wieso sie den botanischen Garten besucht hatte. Nach dem Besuch beim Augenarzt, der wie immer viel zu lange gedauert hatte und eigentlich unnötig gewesen war, denn an ihrer leichten Kurzsichtigkeit, gegen die sie Kontaktlinsen trug, hatte sich seit Jahren nichts verändert, hatte sie gedacht, dass dies sei vielleicht einer der letzten Tage des Jahres sei, an dem so ein gutes Wetter herschte, deshalb müsse sie ihn so lange wie möglich geniessen.
Die Luft um die Bank, auf der Ina sass, in ihrem Mantel aus flauschigem, rosa Plüsch, der so überhaupt nicht zum Rest ihrer Erscheinung und ihrer Haltung passen wollte, war erfüllt von einem Geruch aus Lebkuchen und Zuckerwatte. Wie eine Aura hatte dieser Geruch gewirkt, von dem Zoë nicht hatte sagen können, woher er kam.
Etwas in ihr hatte sofort sehr stark auf Ina reagiert. In ihrem Bauch hatte sie ein leichtes Kribbeln verspürt als sie sie ansah. Irgendetwas in ihrem Körper, in ihrem Geist – oder wo auch immer, hatte ihr das Gefühl der Verbundenheit zu diesem traurig wirkenden Mädchen in ihrem knalligen Mantel da auf der Bank vermittelt.
Ohne Recht zu überlegen, was sie da genau tat, hatte sie Ina ein Lächeln geschenkt, zuerst zaghaft, dann mit der unmissverständlichen Mimik, die zu verstehen geben hatte sollen, dass das Lächlen kein zufälliges Schmunzeln war und ganz speziell Ina geholten hatte.
Und sie hatten sich direkt in die Augen geblickt.
Zoë hatte es in diesem Moment so geschienen, als wäre eine direkte Verbindung zwischen ihren Augen entstanden, ein unsichtbarer Tunnel zwischen ihren Pupillen, der sie beide auf eine magische Art und Weise verbunden hatte. Sie hatte ein warmes Gefühl auf dem Rücken gespührt, das gutartige Gegenteil einer Gänsehaut, und ihr war so gewesen, als spüre sie einen Teil von Inas Verzweiflung und Trauer und schicke ihr im Gegenzug einen Funken Hoffnung.
Irgendjemand, mit dem sie später darüber gesprochen hatte, hatte von wahrhaftiger “Liebe auf den ersten Blick” gesprochen, aber für Zoë was das hier etwas anderes. Es liess sich sicher durch irgendwelche hormonbiologischen Phänomene erklären, aber sie wollte das gar nicht wissen. Sie mochte die romantische, für sie schon fast mythologische Aura dieses Augenblicks und wollte ihn nicht wissenschaftlich erklären lassen. Manche Dinge mussten im Reich der Gefühle bleiben, um wahrer zu erscheinen.
Und dann hatte Ina zurückgelächelt.
Zoë war nicht sofort auf Ina zugegangen. Sie hatte noch nie den Mut für solche direkte Konfrontationen gehabt, deshalb war ihr erster Reflex gewesen, den Moment einen Moment sein zu lassen und hatte erstmal einige Schritte von der Bank weg gemacht. Aber diese merkwürdige Duft, fast wie Zuckerwatte, war ihr in der Nase und der Gedanke an Ina in ihrem Kopf geblieben.
Und so hatte sie instinktiv den Weg zurück zu Ina gesucht, über den Rasen, um auf einmal neben ihr zu stehen und sie mit unsicherer, fast zittriger Stimme zu fragen, ob sie sich wohl neben sie setzten könne.
Ina hatte ohne einen Funken der Verwunderung bejaht und für einen kurzen Moment lang richtig gestrahlt, als sei sie der glücklichste Mensch auf Erden.
“Ich liebe diesen Baum hier”, hatte Ina nach einigen Minuten der Stille gesagt, in der Zoë sie aus den Augenwinkel beobachtet – und heimlich auch angehimmelt – hatte.
Und ihr dann erklärt, dass der Geruch von dem Baum kam, unter dem sie gesessen hatte. Ein japanischer Kuchenbaum, dessen Blätter im Herbst die merkwürdige Eigenschaft hatten, nach Gebäck zu riechen. Zoë hatte ein Blatt vom Boden aufgehoben und dran gerochen. Ina hatte Recht gehabt, wie sie so oft Recht haben sollte. In ihrer poetischen Sprache hatte sie den Kuchenbaum als Baum der Hoffnung bezeichnet. Im Herbst, wenn alles verloren scheint, duftet er, nicht als Abgesang, sondern als Zeichen und Symbol dafür, dass selbst Verlust Wunderbares erschaffen kann.

Ina hatte zwischen den Zeilen ihren Verlust angedeutet hatte, den sie mit den Blättern der Bäume verglichen hatte, weil das einzige, was sie jetzt noch tun hatten können, war das symbolische Blatt ihrer Beziehung zwischen die Seiten eines Telefonbuches zu legen und es zu trocknen, um seine einstige Pracht zumindest in diesem fragilen, eindimensionalen Zustand zu bewahren.
Und währenddessen hatten die beiden sich einander angenähert, fast unwillkürlich.
Zoë wusste noch, dass sie sich einen merkwürdigen Moment lang klar geworden war, dass sie schon seit einiger Zeit Inas Hand streichelte.
Und so hatte alles angefangen, nach diesem Nachmittag unter dem Kuchenbaum war nichts mehr so gewesen, wie es einmal gewesen war. Eine offensichtliche Platitüde, die man jeden Tag als große Schlagzeile auf eine Zeitung setzen könnte. Aber dieser Tag war für Zoë der Wendepunkt gewesen, ein mystischer Fixpunkt, dem sie vielleicht mehr Bedeutung zumaß, als er es verdient hatte.
Zoës Herz pochte laut und kräftig, jetzt in der halbdunklen Kühle dieses staubigen Dachbodens, den sie nun mehr nur als Schatten wahrnahm, als sie ihren Weg zum Ausgang ertastete. Der Herbst war vergangen und die Blätter des Kuchenbaums dufteten nicht mehr. Sie versuchte, das ganze nicht in Verbindung mit den Ereignissen der letzten Stunden zu bringen. Sie sah Inas Exfreund nicht als eine Bedrohung, sondern mehr als eine interessante Gelgenheit, mehr darüber rauszufinden, was Ina nach diesem Sommer so verletzt hatte. Sie kannte zwar die groben Züge dieser Geschichte, aber bisher hatte sie noch keine Gelegenheit gefunden, mit ihrer Freundin über die Einzelheiten zu reden. Es war ja auch schwierig, solche Themen anzuschneiden, wenn man wusste, wie sehr ein Mensch darunter gelitten hatte und man selbst gerade erst dabei war, mit dieser Person eine Beziehung aufzubauen.
Vorsichtig schritt sie die Treppe hinab, versuchte instinktiv, so wenig Lärm wie möglich zu machen, obwohl sie ganz genau wusste, dass niemand im Haus schlief. Sie wurde meistens einige Stunden früher als Ina wach, deshalb hatte sie es sich zur Angewohnheit gemacht, sich während der Morgenstunden so leise wie möglich zu verhalten.
Die hölzerne Treppe war jedoch unbarmherzig und knarrte bei jedem Schritt, den Zoë machte.
Kein Geräuscht drang von der Küche hoch zu ihr. Ob sich Ina und ihr Exfreund einfach nur anschweigten, weil sie nach all der Zeit keine Ahnung hatten, was sie einander sagen sollten? Wieso stellte er nicht mehr Fragen über sie?
Es hatte sie verwundert und auch ein klein wenig verärgert, dass er nichts von ihr gewusst hatte. Hatte Ina es nicht für nötig gehalten, ihrem Ex zu erzählen, dass sie wieder vergeben war? Aber er hatte ja gemeint, die beiden hätten seit ihrer Trennung überhaupt keinen Kontakt miteinander gehabt. Und trotzdem wäre es Zoë lieber gewesen, wenn er von ihr gewusst hätte.
Vielleicht, weil sie das Gefühl hatte, etwas für Ina geopfert zu haben.
Er liess ein kleines Rauchwölkchen aus seiner Nase entweichen und starrte auf die fallenden Schneeflocken, wie sie das Land unter einer weissen Kruste begruben, es taub und dumpf machten. Die ersten Zeugen des Winters, der nicht nur die Kälte, sondern auch die Einsamkeit brachte. Ihm war im ersten Moment danach gewesen, sofort wieder in sein Auto zu steigen und ohne ein Wort zu sagen wieder zu fahren. Aber das konnte er nicht. Er wusste, dass er mit Ina reden musste, dass er seine Reflektionen mit ihr teilen wollte, das hässliche Ende dieses wunderschönen Sommers analysieren wollte.
Er wusste, dass er sich unbewusst davon erhoffte, dass sein Schmerz verschwinden und Ina ihm am Ende wieder um den Hals fallen würde und alles wieder so sei, wie es im Sommer gewesen war.
Er hörte, wie die Tür sich öffnete. Er blickte weiter geradeaus, obwohl es dort nichts zu sehen gab außer einer diffusen weißen Landschaft. Sein Auto konnte er gerade noch erkennen, aber sonst war alles nur erdrückender, schwerer Schnee, der sein Herz schwer werden ließ und seinen Verstand wie vernebelte.
Er wusste, dass es sich um Ina handeln musste, die ihren Platz in der wohlig warmen, gemütlichen Küche aufgegeben hatte, um mit ihm zu reden. In dieser Kälte, die ihm auf einmal richtig feindlich vorkam. Im Augenwinkel sah er, dass sie sich gegen die Mauer lehnte. Er vermutete, dass sie grinste, ohne Recht zu wissen, wieso.
Ein langer, tiefer Zug an der Zigarette, die zum Fixpunkt geworden war, weil in dieser weißen Einöde nichts anderes da war, an dem man sich orientieren konnte.
“Du rauchst also noch immer.”, meinte sie, und er konnte ihre Tonlage nicht deuten. Dabei war ihre Stimme nicht einmal ausdruckslos, aber angesichts der Einöde, auf die er blickte, schien nichts mehr tiefere Bedeutung zu haben.
Er atmete ein kleines Wölkchen aus Rauch aus, das sich mit seiner weißen Atemluft vermischte.
“Menschen änderen sich nicht, erinnerst du dich?”
Seine Stimme klang kälter und grober als er wollte. Wieso war er unwillkürlich so abweisend, Gegenteil von dem, was er eigentlich sein wollte?
“Und Menschen ändern sich.”
Diesmal hörte er ganz genau, dass sie lächelte.
“Aber vielleicht hast du Recht, im Grunde ändern sich nur Gewohnheiten und Äusserlichkeiten, während das Innere sich nur langsam entwickelt. Wie ein Stein, der mal von Moos, mal von Flechten, mal überhaupt nicht bewachsen ist, immer ein Stein bleibt und sich nur innerhalb von Jahrtausenden mit der Erosion verändert. Und eben diese Details, die sich verändern, sind es, die uns ausmachen und die einen Wandel ausmachen.”
Das war Ina. Ina, die poetische, Ina, die Philosophin, Ina, die in die Welt ihre Gedanken in einer Sprache beschreiben konnte, um die die meisten Dichter sie beneidet hätten. Das war die Ina, die er geliebt hatte und für die er diese Odysee auf sich genommen hatte.
Er machte den Mund auf, ohne genau zu wissen, ob er einen weiteren Zug nehmen oder Ina eine Antwort, die dann erst in seinem Mund wachsen sollte, geben wollte, als ein leises, aber deutlich vernehmbares Geräusch vom Dachboden zu ihnen drang. Eine Tür war geschlossen worden.
Eine Schneeflocke landete genau auf seiner Nasenspitze, als er sich bückte, um die Zigarette auszudrücken.
Photo cc by Jean-Pol GRANDMONT. Ausserdem ein Dank an Sara für’s Betalesen.
in tiefer Ehrfurcht und mit Entschuldigungen an Allen Ginsberg, dessen Geheul mich nie loslassen wird
Ich sitze im Halbparadies unter den Zikadenbäumen
strecke meine Fühler nach den Sternen aus
und singe mein Lied
auf dass sie meine Satelliten werden
drahtlose Verbindungen schwirren durch die frische Kühle der Sommernacht
die köstlich duftet nach Thymian und Rosmarin, die auf den Hügeln verdorren
WLAN, GSM, Infrarot, GPRS, UMTS, Kurzwelle, Langwelle, Mittelwelle, Mikrowelle
ich atme ein und aus
und sage euch
Ich bin mit euch.
Ich bin mit euch in Schandel
wo grosse Hunde bellen und Bäuche schmerzen aber alles gut werden wird
Ich bin mit euch in Junglinster
wo stumme Türme Lügen verbreiten und Zweifel sähen
Ich bin mit euch in Luxemburg-Stadt
wo wichtige Kämpfe vorbereitet werden
Ich bin mit euch in Rostock
wo das Meer nicht so freundlich ist wie hier und Pläne geschmiedet werden
Ich bin mit euch auf Friedhöfen
wo ihr euch langweilen müsst in Ewigkeit
Ich bin mit euch in Köln
wo meine Ungewissheit mich verbindet
Ich bin mit euch in Tübingen
wo ihr erwachsen werdet und es schon länger seid als ich
Ich bin mit euch am Bodensee
wo ich ein Teil meines Herzens verloren habe
Ich bin mit euch in Blogbuerg
wo viel zu lange schon Stille herscht
Ich bin mit euch in Schottland und Wales und der Schweiz und wo auch immer ihr seid
denn eure Reisen erfreuen mein Herz
Ich bin mit euch in Ettelbrück
wo ihr mich anscheinend mehr vermisst als ich meine Freiheit geniesse
Ich bin mit euch in Rockland
wo ich diesen Spruch falsch übersetzt habe
Ich bin mit euch im Norden und Süden und Osten und Westen
auf dem gesamten Erdball und drumherun und innendrinnen bin ich mit euch
auf dieser und der anderen Seite bin ich mit euch
wo auch immer ihr seid, ich bin mit euch Freunde
denn Empathie ist die einzigste Waffe die ich aus der Ferne habe
denn ich weiss, wie gut es sich anfühlt, zu wissen
dass noch jemand die gleichen Sterne sieht wie ich selbst
Wenn man auf eine Insel eingeladen wird, muss man die Einladung annehmen. Denn so schnell und günstig kommt man normalerweise nicht vom europäischen Festland weg, und wenn es nur 20 Minuten sind. Aber wie so oft entwickelte sich eine anfangs lustige Bootfahrt mit der Zeit zu einem wahren Horrortrip…
MP3-Download Podcast: Angscht a Schrecken op enger Insel virun Marseille
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Ich liebe ja Blogs von Studenten über ihr Studentenleben. Also nicht, dass ich nur darüber lesen will, aber wenn man mit einer so typischen Studentenbloggerin wie Comme “aufgewachsen” ist, kann man wahrscheinlich gar nicht anders, als das, was da in Studentenwohnheimen, WGs und Hörsällen abläuft, klasse, lustig und erstebens- oder zumindests lesenwert zu finden.
Und ich selbst möchte ja auch irgendwann mal ein richtiger Student sein, auch wenn ich noch immer nicht so Recht daran glaube, dass das je passieren wird. Nicht, weil ich mir das nicht zutraue, sonder eher, weil ich im Gefühl habe, dass mich ein tonnenschwerer Laster beim unachtsamen Überqueren einer Strasse erwischen wird. Es ist schon viel zu lange gut gegangen, als ob ich immer so viel Glück haben könnte.
Aber das Praktikum in Marseille ist ja schon ein gutes Training für das Studentenleben, sollte ich es je haben. Ich wohne bekanntermassen auf dem Campus “Luminy”, in einem von 6 wunderschönen Studentenwohnheimen. Es gibt auch ein paar nett aussehende Gebäude mit Studios, die im Vergleich zu meinem Kabuff wahrscheinlich wie Paläste aussehen.
Gemeinsames Bad und gemeinsame Küche klingt eigentlich gar nicht so schlimm. Ich hatte mir so fünf bis sieben andere Personen vorgestellt, mit denen ich ein normal aussehendes Bad und eine normal aussehende Küche teilen würde. So wie man sich das halt so vorstellt, als naiver Pratikant.
In Wahrheit teile ich mir die Küche und das Bad mit ca. 20 Personen. Und die Räume sehen nicht aus wie man sich solche Räume normalerweise vorstellt, sondern eher wie ein einem.. na ja, Studentenwohnheim. Eklig.
Das Bad besteht aus drei Klokabinen mit Schüsseln ohne Brille, ohne Klopapier und es wundert mich, dass Bürsten vorhanden sind und die Spülung funktioniert. Am ersten Tag war eins der drei Klos vollgekotzt. Zum Glück bin ich am zweiten Tag auf ein anderes Stockwerk (höher!) umgezogen, dh. ich muss nie auf ein Klo setzen, von dem ich weiss, dass es mal mit eingetrockneter Kotze beschmiert war. Was wahrscheinlich jedoch bei jedem der Klos der Fall ist, aber was man nicht weiss, verursacht keine Verdauungstörungen.
Die Küche besitzt ganze zwei Herdsockel. Keine Herdplatten, wie jede normale Küche, sondern ca. 20 cm hohe Herdsockel. Ich habe sowas noch nie gesehen, weiss nicht, wieso das so ist und will es auch nicht wissen. Die Küche sieht öfters ähnlich aus wie das beschriebene Klo des ersten Tages, nur, dass die Nahrungsmittel noch keinem Verdauungsorgan hinzugefügt wurden. Obwohl man das manchmal gar nicht so genau sagen kann.
Meistens ist die Arbeitsfläche total versaut, es liegen kleine Tintenfischarme herum, abgefallenes Paniermehl von Fischstäbchen oder der eingetrocknete Schaum übergelaufener Milch bilden eine nette Kruste, die nicht nur für das allgemeine Kochvegnügen sorgen, sondern auch noch ein herrliches Biotop für Wesen bilden, über die ich mir lieber keine Gedanken machen.
Es gibt zwei Spülbecken. Mindestens eins davon ist ständig verstopft, in dem anderen befindet sich die Kruste von angebranntem Essen (oder verbranntem Rotkohl - so genau wollte ich es noch nicht untersuchen). Heute haben zwei junge Männer, die eine Sprache sprachen, die ich nicht verstand, aber für etwas in die Richtung “arabisch/türkisch” halte, einen Fisch ausgenommen. Und sich dabei lauthals darüber gestritten, wie man das richtig macht.
Ich wollte nicht fragen, ob die Fischstäbchenüberreste, die seit zwei Tagen auf der Arbeitsfläche liegen, von ihnen stammen.
Ich stach meine unschuldigen und immer noch halbrohen Kartoffeln testweise mit meinem Taschenmesser und verschwand wieder in mein Zimmer. Hatte ich erwähnt, dass auf der guten Kochplatte derzeit etwas brodelte, das offensichtlich niemand gehörte? Das passiert auch öfters. Leute kochen etwas und lassen es so lange stehen, bis es vollständig karbonisiert ist. Wahrscheinlich zu Testzwecken. Ich will auch gar nicht wissen, wie viel Crack in der Küche schon gekocht wurde.
Als ich wieder kam war ein Waschbecken überschwemmt und die Innereien des Fisch taten das, was sie sein ganzes Leben lang getan hatten, nur jetzt halt ohne seine Hülle: Sie schwammen. Nur dies mal im Waschbecken.
Das ganze hat den Vorteil, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich ein paar Reiskerne, die mir beim Wasserabschütten ins Waschbecken fallen, dort drin lasse. Die Brühe dort drin ist sicher das Experiment für die Abschlussarbeit von irgendwem, genau wie der Fischkopf letztens auf der Aussentreppe…
Über die merkwürdige Lärmbelastung erzähle ich dann ein anderes Mal. Entgegen all dem, was ich jetzt erzählt habe, bin ich übrigens ziemlich glücklich hier. Es fühlt sich ein klein wenig an wie Urlaub. Mit dem Unterschied, dass ich manchmal auch arbeiten muss. Und sonnig ist es.







